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Die Welt als Geliebte 2. Teil

Die Welt als Geliebte

Geseko von Lüpke im Gespräch mit der Ökologin Joanna Macy – Teil 2

 

Der erste Teil ist hier zu lesen: http://www.urklang-magazin.de/wp-admin/post.php?post=42&action=edit

 

Prof. Dr. Joanna Macy ist nicht nur eine der Mitbegründerinnen der Tiefenökologie, sondern auch eine der wichtigsten buddhistischen Lehrerinnen der USA. Sie wurde 1929 in New York geboren und studierte Politikwissenschaft, Allgemeine Systemtheorie und Vergleichende Religionswissenschaften. Parallel engagierte sie sich stark in der Friedens- und Ökologiebewegung und suchte nach Möglichkeiten, die verbreitete Apathie und Verzweiflung angesichts atomarer Bedrohung und ökologischer Zerstörung therapeutisch zu bearbeiten. Seit Mitte der 80er Jahre arbeitet sie mit Menschen in aller Welt daran, politische Verantwortung, ökologische Aktion, spirituelles Wachstum, ganzheitliche Wissenschaft und psychologische Krisenbewältigung so miteinander zu verbinden, dass daraus neues Engagement für die Zukunft wachsen kann. Ihr jüngstes Buch „Hoffnung durch Handeln: Dem Chaos standhalten, ohne verrückt zu werden“ erschien im August 2014.

 

Zum besseren Einstieg in den zweiten Teil des Gesprächs folgt hier ein kurzer Abschnitt des ersten Teils:

 

Diese systemische Betrachtungsweise der Wirklichkeit wird von vielen Denkern zumindest als die größte und weitreichendste kognitive Revolution unserer Zeit angesehen. Der Anthropologe Gregory Bateson nannte sie „den größten Bissen vom Baum der Erkenntnis seit 2000 Jahren“. Denn die systemische Sichtweise hat die Linse verändert, durch die wir die Realität sehen. Anstatt beliebige, getrennte Einheiten wahrzunehmen, werden wir uns heute mehr und mehr verbindender Ströme bewusst – den Strömen von Energie, Materie und Information. Und Lebewesen werden in diesen Strömen als dynamische Muster im Netz des Lebens wahrgenommen. Die neue Sichtweise, die die Systemtheorie uns anbietet, trägt der biologischen Tatsache Rechnung, dass wir offene Systeme sind, die in ständigem Austausch mit ihrer Um- und Mitwelt leben und überleben. Durch Interaktionen formen sie Beziehungen, die ihrerseits wieder die Umwelt selbst gestalten.

 

Wird damit das klassische Bild des Individuums hinfällig oder nur in einen neuen Kontext gestellt?

 

Eher das Zweite. Arthur Köstler hat für die Doppelexistenz des Menschen den Begriff des „Holons“ geprägt. Er stellte fest, dass alle lebenden Systeme – ob sie nun organisch wie eine Zelle oder der menschliche Körper sind oder supraorganisch wie eine Gesellschaft oder Ökosysteme sind – Holone sind. Sie haben eine zweifache Wesensart, denn sie sind sowohl selbst Ganzheiten, gleichzeitig aber Teil einer übergeordneten Ganzheit. Lebende Phänomene erscheinen deshalb als Systeme innerhalb anderer Systeme, Felder innerhalb von Feldern, die wie ein Set russischer Matruschka-Puppen ineinander verschachtelt sind, nur dass sie zudem miteinander in vielfältiger Beziehung stehen. Jedes von ihnen repräsentiert eine Organisationsebene, die von der Interaktion der Systeme auf der vorhergegangenen Ebene herrührt: Die Interaktionen von Atomen bilden die Organisationsgrundlage von Molekülen, die Moleküle die Basis von Zellen, Zellen für Organe, Organe für Organismen, Organismen für Gesellschaften usw. Das Leben ist nach diesem Verständnis in seine hierarchische Struktur aufgeteilt, die jedoch nicht mit hierarchischen Machtstrukturen gleichzusetzen, sondern von gegenseitiger Abhängigkeit gekennzeichnet ist. Statt des konventionellen Herrschaftsbegriffs, in dem wir Macht mit Beherrschung oder „Macht über“ etwas gleichsetzen, erkennen wir in dem selbstorganisierten organischen Zusammenspiel der vielen Teile in Systemen eine Synergie, für die am besten der Begriff des „Mit-machens“ passt. Lebende Systeme entwickeln ihre Anpassungsfähigkeit und Intelligenz darin nicht durch eine Abschottung von der Umwelt und die Errichtung von Abwehrmauern, sondern durch die ständig größer werdende Öffnung für Ströme von Energie, Materie und Information.

 

Heißt das nicht auch Rückkehr zum Kollektiv?

 

Im Gegenteil! Es kann nicht mehr darum gehen, Individualität aufzugeben und in die Masse des Kollektivs zurückzukehren. Das größere Ganze besteht nicht aus vielen gleichen, sondern aus vielen ungleichen Teilen. Ein uniformer Monolith hat keine innere Intelligenz. Das dynamische, sich selbst organisierende Ganze lebt von der inneren Vielfalt und Lebendigkeit seiner Teile. Darin liegt das Paradox der Individuation: Je mehr ich werde, was ich bin, desto mehr kann ich zum schöpferischen Teil des Ganzen werden. Das Gemeinsame im Ganzen kann erst lebendig werden, wenn die inneren Unterschiede volle Anerkennung finden. Es geht der Evolution also wohl darum, dass wir werden, was wir sind, und so unseren Beitrag leisten.

 

Welche Rolle spielen die Beziehungen zwischen den Individuen in diesem Weltbild? 

 

Die alte Vorstellung von Macht als Ausdruck individueller Kraft und Herrschaft hat damit keine Gültigkeit mehr. Macht ist dann kein Privileg des Individuums mehr oder ein isoliertes Phänomen im Kampf um Vorteile. Macht ist dann vielmehr ein Ausdruck und eine Funktion von Beziehung. Sie entsteht zwischen den kooperierenden Individuen. Der Ort des Wandels liegt in der Interaktion, im Austausch, in der Beziehung zwischen den Individuen. Was wir also brauchen, ist ein Quantensprung in unserer Fähigkeit, miteinander in Beziehung zu treten, zu teilen und zu reagieren. In dem verstärkten Aufbau kooperativer Arbeits- und Lebensstrukturen – die wir dringend brauchen – geht es darum, großzügig die eigenen Fähigkeiten und Stärken zu kultivieren und sie mit anderen zu teilen.

 

Nun sind sich ja die wenigsten Menschen der Folgen bewusst, die das heute noch herrschende Weltbild für den Zustand des Planeten hat. Und die wenigsten werden sich auch bewusst auf ein bestimmtes naturwissenschaftliches Weltbild beziehen. Wie würden Sie die ethischen und emotionalen Grundeinstellungen beschreiben, die aus den unterschiedlichen Weltbildern entstehen?

 

Wenn wir über unsere Beziehung zur Erde sprechen, dann gibt es meines Erachtens drei unterschiedliche Bilder dafür, die wir schon in den unterschiedlichen spirituellen Traditionen vorfinden. Die erste und bis heute vorherrschende Sichtweise sieht die Welt als Schlachtfeld. Diese Sichtweise zieht sich von der alten indischen Bagavadgita über die alten Perser bis ins Amerika der Gegenwart: Immer geht es um den Kampf zwischen guten und bösen Mächten, zwischen den Kräften des Lichts und der Dunkelheit. Die ungebrochene Aktualität dieser Sichtweise macht uns deutlich, dass sie in Zeiten großer Veränderung eine ungebrochene Attraktivität besitzt. Wenn alte Strukturen nicht mehr funktionieren, scheint es sehr reizvoll zu sein, so zu denken. Aber es ist letztlich eine Haltung von religiösen Fundamentalisten.

Die andere verbreitete Sichtweise sieht die Welt als große Falle, in die wir tappen, in der wir gefangen sind und aus der wir uns befreien müssen. Das bedeutet aber, dass wir uns nicht in dieser Welt befreien können, sondern uns irgendwie aus all dem Leiden und den Illusionen herauswinden müssen. Diese Sichtweise zieht sich durch viele Religionen: sowohl den Hinduismus mit seinem Konzept der großen Illusion namens ‚Maja‘ als auch das Christentum, das Judentum, den Buddhismus und die ganzen Ansätze des ‚New Age‘. Immer steht dahinter das tiefe Bedürfnis, dem Leiden zu entfliehen und sich an irgendeinen inneren oder himmlischen Ort zu retten, der ‚wahrer‘, ‚wertvoller‘ und ‚freier‘ sein soll. Ich glaube, beide Sichtweisen haben zu den Schwierigkeiten beigetragen, vor denen wir heute stehen, und sich in Denkstrukturen verfestigt, mit denen wir unsere Welt weiter zerstören.

 

Welche Alternativen zum ‚Schlachtfeld‘ und zur ‚Falle‘ gibt es?

 

Ich sehe die Welt als Geliebte und als Teil meiner selbst. Das entspricht den mystischen Traditionen aller Religionen. In den tantrischen Traditionen des Hinduismus und Buddhismus gibt es diesen tiefen erotischen Kontakt zur Welt. Im Christentum sind es Heilige wie Hildegard von Bingen, die den göttlichen Geliebten überall gesehen hat. Wer die Welt so sieht, macht sie wieder heilig. Und um die Welt als Teil meiner selbst zu erfahren, haben die mystischen Traditionen in aller Welt zahlreiche Methoden entwickelt. Die gilt es wiederzuentdecken. In unserer Zeit kann der tiefenökologische Ansatz uns dabei behilflich sein.

 

Was verstehen Sie unter Tiefenökologie?

 

Tiefenökologie sieht die Erde als ein lebendes System, in dem alle Dinge miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Tiefenökologie unterscheidet sich von der traditionellen Ökologie dadurch, dass sie über den Anthropozentrismus hinausgeht, der alle ökologischen Probleme immer nur zum Nutzen, zum Vorteil oder zum Profit der Menschen reparieren will. Tiefenökologie konzentriert sich stattdessen auf die essenziellen Kreisläufe und Systeme der Natur selbst, um uns selbst dann zum Diener der Gesundheit des größeren Ganzen zu machen. Und das befreit uns dazu, glaube ich, mit mehr Weisheit und Inspiration zu handeln. Dieser Ansatz versorgt uns zudem mit einem Gefühl der Zugehörigkeit zu unserem Universum. Es bringt uns heraus aus dem Gefühl der Isolation, der Entfremdung und Ausbeutung, hin zu einem Gefühl der Gemeinschaft mit dem lebenden Erdkörper und all seinen Manifestationen. Und das hat einen ganz wichtigen Effekt: Es löst unsere Hilfsbereitschaft und unsere Kreativität aus.

 

Landet der Mensch da nicht wieder in der Rolle des Machers, diesmal als Retter?

 

Ich glaube nicht. Ein zentraler Grundgedanke der Tiefenökologie besteht darin, allem einen inneren Wert zuzuerkennen – allen Lebensformen und der Natur selbst als lebendes selbstregulierendes System. All das hat seine innere Schönheit, seine eigene Würde, sein eigenes Existenzrecht. Darin liegt eine verehrende Haltung. Es geht erst mal nicht ums Machen, sondern um die Anerkennung der Tatsache, dass der Regenwald ein Lebensrecht hat und eine wichtige Funktion als Organ im lebenden Erdkörper. Wenn wir das begreifen, empfinden wir Mitgefühl – und das ist die tiefste Form der Liebe und der Verehrung. Gleichzeitig wird uns bei dieser Sichtweise klar, wie eng wir mit diesem Erdkörper verwoben sind, wie er ein Teil von uns und wir ein Teil von ihm sind. In der Tiefenökologie sprechen wir von der Entwicklung unseres ‚ökologischen Selbst‘: Wir erfahren uns als wesentliche und einzigartige Bestandteile dieses größeren lebenden Ganzen. Wir sind keine isolierten Macher. Wir stehen vielmehr in einer ganz persönlichen Beziehung zur Welt und können uns davon tragen und unterstützen lassen.

 

Wie aber entsteht aus dieser fast mystischen Verbundenheit politische Aktion?

 

Es ist eine Mystik, die in der Aktion deutlich wird, durch zivilen Ungehorsam, Sitzblockaden vor Bulldozern oder durch die Gründung neuer Initiativen. Geschehen kann es nur in der Beziehung. Man kann sich nicht ins Kämmerchen zurückziehen und an sich selbst arbeiten. Dieser Prozess braucht die Interaktion mit der Welt. Unsere Erfahrung des Ganzen ist abhängig von den Beziehungen des Einzelnen, das Ganze wird nur erfahrbar, indem man sich in Beziehung setzt.

 

Zu Beginn unseres Gesprächs sprachen Sie davon, dass künftige Generationen in einer schwer geschädigten Umwelt leben werden. Wie werden diese Wesen der Zukunft auf uns zurückschauen?

 

Wenn künftige Generationen auf die letzten Jahre des 20. und den Beginn des 21. Jahrhunderts zurückblicken, werden sie wahrscheinlich von der Zeit des großen Wandels sprechen. Denn jetzt, in dieser Zeit, müssen wir den Wandel von einer industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer Gesellschaft schaffen, die das Leben langfristig erhält. Das ist eine enorme Veränderung. Sie erfolgt zurzeit, und wenn diese Veränderung nicht weitergeht, wird das Leben wohl dauerhaft auch nicht weitergehen, weil unser vorherrschender Lebensstil dem widerspricht. Wenn künftige Wesen also zurückblicken, werden sie es mit Respekt tun, mit Mitgefühl und Dankbarkeit für das, was wir in der ‚Zeit des großen Wandels‘ getan haben.

 

Wir scheinen unsere Aufmerksamkeit primär auf die Zerstörung der Welt zu richten. Wo findet dieser ‚große Wandel‘ denn heute schon statt?

 

Ich beobachte die Anzeichen für diesen Wandel auf drei verschiedenen Ebenen, von denen jede äußerst wichtig ist. Die am besten sichtbare ist die Ebene der Aktionen, die dazu beitragen, die Zerstörung von sozialen und ökologischen Systemen so zu bremsen, dass wir Zeit gewinnen. Das sind die politischen Aktionen, die Demos und Blockaden, die Gesetzesinitiativen, die aktive Einmischung in Bürgerinitiativen und friedlicher Widerstand. Auf dieser Ebene nehmen die Leute die meisten Strafen in Kauf, erreichen die größte Öffentlichkeit und leiden am meisten an dem Gefühl, ausgebrannt zu sein. Die meisten Menschen identifizieren sich mit diesen Aktionen. Darin liegt für sie der soziale Wandel und sie glauben, das sei alles.

 

Aber es reicht, wie wir sehen, nicht aus…

 

Man braucht die zweite Ebene, auf der man sich um die strukturellen Wurzeln der Fehlentwicklung kümmert. Welche Institutionen und Machtfaktoren tragen das System und welche Alternativen können eingebracht und ausprobiert werden, um die Samen für eine lebenserhaltende Gesellschaft zu säen? Das geschieht beispielsweise bei all den Initiativen, die sich mit den Mechanismen der Globalisierung auseinandersetzen und nachhaltige, gerechte Wirtschaftsmodelle entwickeln.

 

Aber auch dieser Ansatz reicht für sich nicht aus…

 

Wir brauchen die dritte grundsätzliche Ebene, auf der wir nach den eigentlichen Motiven der Menschen fragen. Also: Was wollen wir? Wer sind wir? Was brauchen wir? Das ist die Ebene des Bewusstseinswandels, das ist die Ebene, wo wir unsere Wahrnehmung schulen und unsere Bedürfnisse neu formulieren, unser Selbstbild neu bestimmen und unsere Beziehung zur Welt überdenken und neu gestalten. Da findet eine Revolution in der Wahrnehmung und im Bewusstsein statt. All das ereignet sich in einem ungeheuren Tempo.

 

Das heißt, wir leben sowohl in einer Zeit der Zerstörung und Desintegration als auch in einer Zeit des Wandels und der Integration?

 

Ich nenne es ‚positive Desintegration‘. Sie findet immer dann statt, wenn ein System unter Stress gerät und sich weiterentwickelt. Das geschieht mit sozialen Systemen genauso wie mit Denksystemen oder Individuen. Der Begriff beschreibt, was mit einem System vor sich geht, wenn alte Richtlinien, Normen und Werte nicht mehr funktionieren und passen. So sind viele der Werte und Ziele der modernen Industriegesellschaft – ‚Je größer, desto besser‘ oder ‚Wachstum um jeden Preis‘ – mittlerweile zur Gefahr für unser Überleben geworden. Wenn solche Grundwerte wertlos werden, geraten wir ins Chaos, fühlen uns verloren und glauben, es sei nicht zu überleben. Dabei ist das, was stirbt, nur unsere Sicht- und Handlungsweise. Wir leben weiter und finden neue Formen. Positive Desintegration ähnelt also ein bisschen einem Krebs, dessen enger Panzer beim Wachsen aufbricht und Platz für Neues macht.

 

Wie sollen sich die Menschen in diesem schmerzhaften Prozess verhalten?

 

Auf dem Weg dorthin scheint es mir wichtig, nicht den Mitmenschen zu predigen, dass sie nobler, tugendvoller, aufopfernder oder verantwortungsvoller gegenüber der Zukunft sein sollten, sondern ihnen stattdessen Mut zu machen, aus ihrer kleinen Kiste auszubrechen. Es ist, als wären wir gefangen in einer Kiste, die immer kleiner wird, uns abtrennt von Vergangenheit und Zukunft, und drinnen sitzen wir wie Ratten und werden immer hektischer. Dafür sind wir nicht gebaut. Je mehr wir unser ökologisches Selbst entdecken, können wir auch Zeit in ihrer ganzen Tiefe erkennen und jene Handlungen wahrnehmen, mit denen wir die Zukunft zerstören. Und diese Erkenntnisse machen Spaß, lassen das Herz höher schlagen, sind aufregend und können endlich den moralischen Zeigefinger ersetzen.

 

Gibt es Richtlinien, an denen sich der Einzelne orientieren kann?

 

Ich ermutige die Leute dazu, sich für die Lösung der Probleme ihre eigenen Richtlinien zusammenzustellen. Ich habe einige, die sich als sehr nützlich erwiesen haben. Die erste ist, dankbar dafür zu sein, in einer Zeit zu leben, die so sehr zur Veränderung herausfordert und diesen sinnlichen, fast erotischen Instinkt in uns weckt, das Leben zu erhalten. Der zweite Ratschlag lautet: Hab‘ keine Angst vor der Zukunft, die in der Dunkelheit liegt, keine Angst vor Ungewissheit, Stress, Verlorenheit, denn all das gehört zu einem einschneidenden Wandel dazu. Alles Neue reift zuerst im Dunkeln. Und wir können nicht auf fertige Pläne warten, um den nächsten Schritt zu tun. Der dritte Tipp ist: Ärmel hochkrempeln. Engagiere dich politisch, verschaff dir Durchblick, stell‘ Fragen nach Ziel und Sinn! Jeder kann das! Lehn dich nicht zurück, lass dich nicht entmutigen oder lähmen. Es gibt so viel zu lernen und zu tun in dieser Zeit. Und viertens würde ich sagen: Habe Mut zur Vision. Wenn wir die Psyche mit einem Muskel vergleichen, dann ist die Vorstellungskraft unser am wenigsten entwickelter Muskel. Wir müssen es uns erlauben, positive Visionen der Zukunft in uns erblühen zu lassen. Denn es wird nichts Neues durch uns in die Welt kommen, was nicht vorher in unserem Bewusstsein Gestalt angenommen hat.

 

Und womit gilt es anzufangen?

 

Wir müssen einerseits so etwas sein wie ‚Sterbebegleiter‘ für die alte Kultur und andererseits ‚Hebammen‘ für die neue Kultur. Beides muss zur gleichen Zeit geschehen. Das war zu allen Zeiten des kulturellen Wandels in unserer Evolution so. Auch politische Arbeit und die Entwicklung unseres Bewusstseins sind Faktoren, die voneinander abhängen. Auch da lässt sich nicht sagen, mach erst dies und dann das. Wir müssen alles zugleich tun. Denn wenn wir unsere Wahrnehmung und unser Denken verändern, werden wir politisch effektiver. Und wenn wir politisch etwas riskieren, dann ändert sich auch unsere Wahrnehmung.

 

Dieses Gespräch stammt aus dem Buch „Politik des Herzens – Nachaltige Konzepte für das 21. Jahrhundert – Gespräche mit den Weisen unserer Zeit“ von Geseko von Lüpke, 2003 im Arun-Verlag erschienen. 

In diesem Band hat der Journalist und Visionssucheleiter 39 Gespräche versammelt, die er mit wissenschaftlichen VordenkerInnen, (Tiefen-)ÖkologInnen, ganzheitlichen PsychologInnen, Ökonomen, AktivistInnen und Alternativen NobelpreisträgerInnen über die existentiellen Fragen unserer Zeit geführt hat – ein ungeheurer Fundus an Wissen und Lebenserfahrung, eine wahre Schatzkiste!

Einen ganz herzlichen Dank an Geseko von Lüpke und Stefan Ulbrich vom Arun-Verlag für die Erlaubnis, dieses wunderbare Interview abdrucken zu dürfen und natürlich an die immer noch aktive, inzwischen 86 jährige Joanna Macy. 

Im Sommer diesen Jahres ist die 5. Auflage des Buches als Hardcover erschienen, ebenfalls im Arun-Verlag, ISBN: 978-3-86663-101-4. 

 

www.arun-verlag.de

www.tiefenoekologie.de

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