Coco

Der Paradiesvogel

Eine Geschichte über die Freiheit – unbekannte Herkunft

 

Jorge Vizcarra (Coco) ist nicht nur ein Kenner der Geschichte der Quechua-Kultur seiner Vorfahren in Peru sondern auch ein guter Geschichtenerzähler. Er sammelt Geschichten aus allen Kulturen der Welt und ich habe ihn gebeten, den Lesern des Urklang Magazins aus diesem Fundus eine, wie ich finde, besonders schöne Parabel zu erzählen … 

 

Es gab einmal einen Mann, einen mächtigen, sehr reichen Mann. Und wie viele, die in großem Reichtum leben, war er sehr einsam. Er war einsam, weil er immer dachte, dass jeder, der in seiner Nähe sein wollte, nur wegen seines Geldes bei ihm war. Deswegen war er sehr misstrauisch und einsam und hatte fast keine Freunde. Ich sage fast keine Freunde, weil er doch einen einzigen Freund hatte. Das war ein Vogel, ein Paradiesvogel, der denken und sprechen konnte. Er konnte immer zu ihm gehen, seine Probleme und Sorgen mit ihm teilen und sich einen Rat holen. Und weil es sein bester Freund war, ließ er in seinem Haus einen Raum extra für ihn einrichten – mit schönen Teppichen und mit einer Heizung. Er ließ ihm das beste Essen bringen, ließ Jongleure, Clowns und Magier für seine Unterhaltung sorgen und ließ einen Käfig aus massivem Gold für ihn bauen. Darin lebte der Vogel und der reiche Mann kam ihn oft besuchen.

 

Eines Tages sagte er zu ihm: „Hey mein Freund, ich bin so glücklich, dass ich Dich habe. Du bist mein einziger und bester Freund. Geht‘s Dir gut? Kann ich noch irgend etwas für Dich tun?“ – „Ach“, antwortete der Vogel, „was soll ich denn verlangen? Schau mal, ich habe alles, was man sich wünschen kann. Ich habe einen Raum mit Heizung und Teppichen, ich bekomme das beste Essen, ich habe ganz viel Unterhaltung – Clowns, Jongleure, Magier – , und ich habe einen Käfig aus massivem Gold. Mir geht es schon gut …, aber jetzt, wo Du mich fragst – ich traue mich fast nicht, es zu sagen – , wenn ich einen Wunsch frei habe …, dann gib mir meine Freiheit.“ – „Was?“, rief der Mann. „Bist Du verrückt? Bist Du undankbar! Schau mal Deine Verwandten da draußen. Im Winter haben sie kaum etwas zu essen, sie müssen die Kälte ertragen und viele überleben das nicht einmal. Du bist so undankbar! Deine Freiheit werde ich Dir niemals geben!“

 

Der Vogel wurde sehr traurig und diese Unterhaltung wiederholte sich so nie wieder. Bis eines Tages, denn in jeder Geschichte gibt es einen solchen Tag, der Mann zu dem Vogel kam und zu ihm sprach: „Weißt Du, ich habe Geschäfte zu machen, da, wo Du herkommst. Und wenn ich die Geschäfte erledigt habe, kann ich Deine Verwandten im Urwald besuchen. Was soll ich denen sagen?“ – „Ach, mein Herr …,  sag ihnen, dass es mir gut geht, dass ich in einem geheizten Raum lebe, mit Teppichen, dass ich ganz viel Unterhaltung habe, dass ich jeden Tag Clowns, Jongleure und Magier bei mir habe, dass ich das beste Essen bekomme und dass ich sogar in einem Käfig aus massivem Gold lebe. Sag ihnen mal einen schönen Gruß und dass es mir gut geht.“ – „Ja, abgemacht“.

 

Der Mann ging fort, erledigte seine Geschäfte und wie versprochen ging er in den Urwald und kam an eine Stelle, wo es Hunderte von diesen Paradiesvögeln gab. Sie flogen über seinem Kopf, hin und her, und er dachte: ,Ach wie schön sind diese Vögel, wie schöne Federn haben sie, und wie glücklich bin ich, dass ich einen von ihnen als Freund zu Hause habe.‘ Und er stellte sich in die Mitte einer Lichtung und rief: „Hey, hier bin ich! Ich komme von der anderen Seite der Welt, ich habe einen von Euren Verwandten. Er ist mein bester Freund und lässt Euch grüßen. Ich soll Euch sagen, dass es ihm gut geht, dass er das beste Essen bekommt, dass er in einem geheizten Raum lebt, dass er viel Unterhaltung hat und sogar in einem Käfig aus massivem Gold lebt.“ Und in dem Moment, in dem er das ausgesprochen hatte, fiel ein Vogel direkt auf seine Füße. Er war tot. Der Mann war ganz nervös und wollte ihn beleben. „Nein, das kann nicht sein!“ Er fing an, ihn zu beatmen und dachte plötzlich: ,nicht dass das ein Zeichen ist, dass es meinem Vogel zu Hause auch schlecht geht.‘

 

Ganz aufgeregt machte er sich davon, nahm das nächste Flugzeug und flog nach Hause. Als er zurück in sein Haus kam, lief er direkt zu dem Raum, in dem sein Vogel lebte. Und was für ein Glück – der Vogel war lebendig in seinem Käfig. Der Mann war ganz erleichtert und sagte: „Hey mein Freund, ich bin so glücklich, dass es Dir gut geht. Weißt Du, was mir passiert ist? Ich habe meine Geschäfte erledigt und wie ich es Dir versprochen habe, ging ich in den Urwald. Da waren Hunderte von Deinen Verwandten. Ich habe sie gegrüßt und ihnen Deine Botschaft überbracht. Ich habe ihnen gesagt, dass es Dir gut geht, dass Du in einem geheizten Raum lebst, dass Du das beste Essen bekommst, dass Du Unterhaltung hast und dass Du sogar in einem Käfig aus massivem Gold lebst. Stell Dir mal vor, in dem Moment fällt einer Deiner Geschwister auf meine Füße …, tot“. Er drehte sich um und schaute in den Käfig. Und sein Vogel war auch tot. „Nein!“ rief er und ganz außer sich machte er die Tür des Käfigs auf, nahm den Vogel in seine Hände und wollte ihn beleben. „Nein, nein!“ schrie er, „das gibt es nicht, das kann nicht sein!“ und ging dann ganz verzweifelt Hilfe suchen.

 

Als er zurück kam, sah er, dass sein Vogel lebendig war. Er saß ganz oben auf dem Rahmen des höchsten Fensters in seinem Zimmer und von dort flog er auf den höchsten Ast eines Baumes im Garten. Von dort sprach er: „Sei nicht so traurig mein Herr. Weißt Du, mein Bruder im Urwald ist auch lebendig. Er hat mir nur gezeigt, wie ich zu meiner Freiheit komme. – Wir haben heute beide was gelernt. Du hast gelernt, dass nicht jeder, der eine Botschaft überbringt, weiß, was in dieser Botschaft verborgen ist. Und ich habe gelernt, dass die Freiheit eine Blume ist, die man nicht verlangt, sonder die man sich nimmt.“

 

Was sind für Dich die wesentlichen Aspekte, die uns davon abhalten, wirklich frei zu sein?

 

Die meisten Menschen wollen frei sein, frei von Schmerz, von Krankheit, von Sorgen, von Existenzangst, von Hass, von Gier. Wir streben alle mehr oder weniger bewusst danach, weil wir die Freiheit lieben.

In dieser Zeit geht es aber ganz besonders darum, dass wir uns von Konzepten und Glaubenssätzen befreien – von allen Grenzen, die wir uns unbewusst selbst gesetzt haben, bzw. die uns die Gesellschaft, also Eltern, Schule, Religion, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik etc. gesetzt haben. Nehmen wir z.B. die Politik. Die Geschichte zeigt uns, dass sie fast nie mit offenen Karten gespielt hat. Man könnte sagen, dass Politik die Kunst ist, glaubwürdig zu lügen. Wir sind bei Wahlen und politischen Entscheidungen nicht wirklich frei, weil wir viele Informationen gar nicht bekommen.

 

Oder nehmen wir die Wissenschaft. Bei jeder Entdeckung wurde gesagt, ,die neue Technik ist gut für die Menschen, sie wird die Probleme lösen. Chemie ist gut, sie wird die Krankheiten heilen. Gentechnik ist gut, sie wir das Ernährungsproblem lösen. Moderne Waffen sind gut, sie werden für Frieden sorgen. Atomkraft ist gut und sicher, sie wird unser Energieproblem lösen.‘ Wir haben alle mehr oder weniger daran geglaubt und die meisten tun es immer noch. Dabei sind die Auswirkungen offensichtlich. Der Glaube an die Wissenschaft als Heilsbringer macht uns unfrei und blockiert unsere Intelligenz für kreativere Ideen.

 

Die Wirtschaft hat die Menschen auch belogen. Die Macht des Geldes hat dafür gesorgt, dass es auf unserem Planeten so aussieht, wie es aussieht – Kriege, Hunger, ungerechte Verteilung, Ausbeutung von Erde und Menschen etc. Die meisten verstehen gar nicht, wie unser Geldsystem überhaupt funktioniert. Aber alle sind ihm unterworfen.

Auch die Religionen haben massive Grenzen in die Köpfe der Menschen gepflanzt, die sie immer wieder dazu bringen, gegeneinander zu bekämpfen. Doch zunehmend mehr Menschen erkennen, dass diese Konzepte ihrer Freiheit im Wege stehen und versuchen sich von ihnen zu befreien; obwohl es schwierig ist, weil die ganze Welt beherrscht wird von diesen Mächten.

 

Will man sich befreien, muss man aufhören, den immer neuen Versprechen von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu glauben. Während wir das tun, denken wir vielleicht, dass die mögliche Freiheit grenzenlos ist. Je freier wir werden, desto bewusster werden uns die Glaubenssätze und desto stärker wird der Drang, sich von Ihnen zu befreien. Die große Kunst dabei ist, einerseits natürlich zu erkennen, wo wir unfrei sind, andererseits aber auch die unsichtbare Grenze wahrzunehmen, wo die Freiheit und die Würde des anderen anfängt. Daraus erwächst ein natürlicher Respekt und ein Gefühl von Würde, auch für uns selbst.

 

Ich habe kürzlich einen Bericht von einem Griechen gehört, der mit seiner Familie in Deutschland gelebt hat und vor einer Weile zurück nach Griechenland gegangen ist. Er sagte, dass die Menschen dort schon lange viel weiter sind als die Politik. ,Wir haben realisiert in welcher Lage wir sind, und schon lange funktioniert fast alles ohne Geld, weil niemand Geld hat. Da wird z. B. ein Auto repariert gegen Karotten und Tomaten. Wir rücken einfach zusammen und helfen uns gegenseitig. Dadurch entstehen ganz neue Strukturen.‘

 

www.inkareisen.de 

www.inti-punku.de 



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