Coco_2014-11-22 um 17.20.09

Energie kennt keine Wertung

Jorge Vizcarra (Coco) ist Peruaner mit Quechua-Wurzeln und lebt mit seiner Frau Barbara und ihren beiden Kindern in Deutschland. Schon lange beschäftigt er sich intensiv mit der Geschichte und den Hintergründen der Quechua-Kultur seiner Vorfahren. Er begleitet Reisegruppen aus Deutschland nach Peru, um ihnen seine Faszination und Liebe für sein Land, dessen Geschichte und Menschen zu vermitteln. Mit seiner Familie setzt er sich seit Jahren für die Unterstützung seiner bis heute diskriminierten Landsleute sowie die Erhaltung und Förderung der indigenen Kultur ein. Der Verein „Inti Punku“, den sie für diesen Zweck gegründet haben, unterstützt u.a. eine Schule in Cuzco, die sowohl die traditionelle Kultur als auch moderne Lehrmethoden in ihren Unterricht integriert.

 

Coco, Du pendelst nun schon seit langem zwischen Deutschland und Peru. Mit Peru bist Du sehr verbunden und Deine Liebe und Neugier für die Kultur Deiner Heimat, insbesondere ihrer indigenen Wurzeln, ist quasi zu Deinem Beruf bzw. Deiner Berufung geworden. Fühlst Du Dich denn inzwischen auch hier in Deutschland heimisch?

 

Ich habe eine ganze Weile mit einem Bein in Peru und mit einem in Deutschland gelebt und war nirgends ganz zu Hause. Wenn ich in Peru war, habe ich meine Frau und meine Kinder vermisst und in Deutschland habe ich meine Familie in Peru vermisst. Bis ich irgendwann gespürt habe, dass ich da zu Hause bin, wo ich gerade bin. Jetzt bin ich, wenn ich hier bin, ganz hier.

 

Das führt uns gleich zum Kern unseres Gesprächs. Du hast vor einiger Zeit in Berlin einen Vortrag gehalten unter dem Thema „Energie kennt keine Wertung“. Was meinst Du damit?

 

Alles ist Energie, absolut alles. Und diese Energie kann man nicht einmal erkennen, weil sie in Bewegung ist. Wir Menschen teilen diese Energie mit unserem Verstand in positiv und negativ ein und werten. Aber weil sie in Bewegung ist, ist sie einfach. Positiv und negativ verschmelzen in einem ewigen, harmonischen Tanz. Damit es lebendig bleibt, sind beide scheinbaren Gegensätze erforderlich. Sie sind nicht im Kampf, sondern sie sind in einem harmonischen Tanz miteinander.

 

Kannst Du an einem konkreten Beispiel erklären, was das in Bezug auf das alltägliche Leben bedeutet?

 

Nicht alles, was positiv ist, ist immer gut, nicht alles, was negativ ist, ist immer schlecht, sagt man in meiner Tradition. Weil man es nicht trennen kann. Im Positiven gibt es immer auch etwas Negatives und umgekehrt. Die meisten Menschen in der modernen Welt wollen möglichst nur die positive Seite sehen. Sie wollen z.B., dass eine Krankheit sofort weggeht, oder in einer Beziehung wollen sie die unangenehmen Eigenschaften des Partners nicht und trennen sich deswegen. Wenn man aber nicht wegguckt und da bleibt, erkennt man oft, dass im scheinbar Negativen ein Juwel verborgen ist. Wenn ich damals meinem Schmerz nachgegeben hätte und nach Peru zurückgegangen wäre, dann hätte ich jetzt nicht zwei Juwelen, meine Freunde in Deutschland und meine Freunde in Peru.

Der negative Teil, den wir nicht haben wollen, ist unser Meister. Wenn wir in seine Schule gehen, dann kann ein Teil von uns heilen, dann können wir uns selbst umarmen, so unvollkommen wie wir sind, ohne die Erwartung, Vollkommenheit zu erlangen. Dann können wir auch unsere Partnerin, unseren Partner, unsere Freunde, dann können wir alle so nehmen, wie sie sind, bedingungslos.

 

Wenn Du sagst, in allem Negativen ist etwas Positives verborgen, wie sollte man sich dann Deiner Meinung nach zu den global operierenden Konzernen verhalten, die z.B. mit gentechnisch verändertem Saatgut, giftigen Herbiziden, Atomkraft und im Bankensektor mit Spekulation auf Grundnahrungsmittel die Gesundheit und das Leben unzähliger Menschen und Tiere bedrohen?

 

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass die Menschen, die in diesen Firmen die Entscheidungen treffen, abgeschnitten sind von ihrer Lebendigkeit. Man könnte sagen, dass sie krank sind, wie Krebszellen, die sich isolieren und nicht mehr mit den sie umgebenden Zellen kommunizieren. Ihnen fehlt die Verbindung zum lebendigen Körper. Aber das betrifft nicht nur diese Menschen, sondern eigentlich alle, die das Leid um sich herum verdrängen. Ich glaube, das Beste, was wir tun können, ist, dass wir uns als Immunsystem der Erde oder der Weltgemeinschaft verstehen.

 

Und wie sollte das Immunsystem dann Deiner Meinung nach reagieren?

 

Gut ist es, sich zu vernetzen und die Verbindlichkeit untereinander zu stärken. Ich bin überzeugt, dass wir nur alle gemeinsam einen Wandel hervorbringen können. Aber wir müssen uns auch wehren und protestieren und viele Menschen anstecken, aber nicht so sehr aus Angst, sondern aus Liebe zum Leben. Da hat man viel mehr Kraft.

Das Positive, das ich sehe, ist, dass immer mehr Menschen erkennen, dass ihre Existenz bedroht ist. Wenn das Negative größer wird, dann wächst die Sehnsucht.

Und das ist die Tendenz der Energie, in Balance zu sein, im Lot zu sein.

 

Gibt es etwas in Deiner Kultur, das uns bei dem Wandel zu einer heilsameren Welt unterstützen könnte? 

 

Der Grund unseres Leidens ist oft die Einsamkeit, der Mangel an Liebe. Wir sehnen uns nach Gemeinschaft, nach Geborgenheit. Aber wir haben eine Kultur geschaffen, die es uns schwer macht, zusammenzukommen.

Es gibt Dörfer in meiner Heimat in Peru, in denen die Menschen sehr arm sind und hart arbeiten müssen, um zu überleben. Aber die Menschen dort sind glücklich, man sieht es ganz offensichtlich, wenn man dort ist. Sie sagen es auch selbst.

Sie haben die Verbindung zum Leben nicht abgeschnitten, sie sind verbindlich untereinander geblieben. Es gibt dort keine Scheu und keine Hemmung, sein Herz zu zeigen, keine Angst, sich zu zeigen, wie man ist.

Man fühlt sich, wenn man dort hinkommt, sofort wie zu Hause, es gibt keinen Abstand, so als wenn man immer schon dort gewesen ist, und das ohne irgendwelche Erwartungen.

 

… (Fortsetzung folgt)

 

 

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