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Flucht

von Britta Schneider – Teil 1

 

Nachdem meine Großeltern im Herbst 1939 als Baltendeutsche aus Estland in den Raum Posen (heute Poznan) im damaligen Warthegau umgesiedelt worden waren, musste meine Großmutter mit ihren vier kleinen Kindern im Januar 1945 vor der sowjetischen Armee Richtung Westen fliehen. Mein Großvater galt seit 1942 an der Ostfront als vermisst. Im Sommer 1975 hat sie den folgenden Bericht verfasst. Anmerkungen in Klammern habe ich zum besseren Verständnis hinzugefügt. (Hardo Bicker)

 

19. Januar 1945

Seit Tagen ist es merkwürdig ruhig in der Stadt. Mein Radio ist schon lange kaputt, so bin ich auf die Nachrichten angewiesen, die andere schwarz gehört haben. An diesem Morgen wache ich von lautem Reden und Rufen auf, sehe aus dem Fenster massenhaft Soldaten, die in unserer Straße Leitungen legen. Es heißt, das Oberkommando der Wehrmacht soll nach Grätz (westlich von Posen) verlegt werden. Ob das stimmt, weiß natürlich keiner. Auf der Straße treffe ich eine evakuierte Rheinländerin in großer Eile. Ihr Mann hat sie mit den Kindern telegraphisch zurück ins Rheinland gerufen. Die meisten Evakuierten packen und reisen in größter Eile ab. Frau Sch. (eine Freundin) und ich beschließen, zum Bürgermeister zu gehen. Er ist Mitglied des Reichstages, P.G. von Anfang an, er muß doch Bescheid wissen. Als wir hinkommen, sitzt er mit einem gebrochenen, eingegipsten Bein und diktiert gerade seiner Sekretärin.

Er beruhigt uns völlig. Die Russen sind laut letzten Meldungen wieder zurückgeschlagen, für Grätz besteht keine Gefahr. „Und wenn“ sagt er „so erfahre ich es als erster, und dann, Frau Schneider, können Sie versichert sein, daß ich Sie sofort benachrichtige. Meine Frau und meine Kinder schicke ich ja auch nicht weg.“ Er glaubte es wirklich.

 

Wir gehen also ganz beruhigt nach Hause. ,,Aber weißt Du“, sagt Frau Sch., „für alle Fälle lasse ich zwei meiner polnischen Arbeiter einen Kohlenwagen säubern und mit einer Plane versehen.“ (Sie leitete mit 25 Jahren als einzige Frau im Warthegau als Treuhänderin eine Mühle und einen Kohlenhandel.) Ihre polnischen Arbeiter taten alles für sie, weil sie sich immer und überall für sie einsetzte. Abends saßen sie alle bei mir (Frau Sch., Frau B., Frau G.) und wir freuten uns, daß wir bleiben konnten. Wir gingen aber früh auseinander, weil alle am nächsten Morgen zum Rote-Kreuz-Einsatz mußten.

 

20. Januar

Morgens die Kinder fertig gemacht und lrene, meinem 15-jährigen polnischen Mädchen, überlassen. Ein klarer schöner Wintertag, sehr kalt. Wir müssen auf dem Bahnhof einen Lazarettzug empfangen, der Kranke aus Litzmannstädter Krankenhäusern nach Grätz evakuiert.

Viel zu wenig Sanitäter, so müssen wir unentwegt Bahren schleppen, Kranke stützen, Essen verteilen. Sie sollen in Schulen untergebracht werden, müssen aber stundenlang mit nur dünnen Wolldecken bedeckt auf dem Bahnsteig warten, weil nur wenige Krankenwagen zur Verfügung stehen. Mittags rase ich nach Hause, füttere die Kinder ab und wieder zurück. Ein neuer Zug voll Kranker ist gekommen. Um 6 sind alle ausgeladen, wir zum Umfallen müde.

Ich warte noch bis sieben auf einen Zug aus Posen, mit dem Amama (die Schwiegermutter) kommen soll. Der Zug ist brechend voll, aber keine Amama steigt aus. Ich schleppe mich totmüde nach Hause, nur mit dem Wunsch ins Bett zu sinken. Wir sitzen beim Essen, da klingelt es, Amama. Sie war auf der falschen Seite ausgestiegen, ihren Koffer hatte sie im Gedränge  nicht mehr rausgekriegt.

 

Ich stecke die Kinder, die auch totmüde sind, ins Bett. Sie haben den ganzen Tag draußen im Schnee gespielt. Ich fange gerade an, ihre klatschnassen Handschuhe, Mützen und Socken am Ofen aufzuhängen, da klingelt es wieder – Frau B. – sie kann vor Aufregung kaum sprechen: „Wir müssen weg, die Russen sind schon ganz nah, man hört sie schon schießen, in drei Stunden muß die Stadt geräumt sein.“ Jörn, der als einziger noch wach ist, hat alles mitgekriegt. „Mammi, ich muß kotzen“ ruft er.

Zum Glück ist lrene noch da. Ich drücke ihr ein Bügeleisen in die Hand und sie muß die nassen Sachen der Kinder trockenbügeln. Das Eisen zischt, das Zimmer ist in Dampf gehüllt. Ich stehe wie vor den Kopf geschlagen da. „Was nehme ich mit?“ Erstmal alles, was an Lebensmitteln im Hause ist, in einem großen Beutel. Alle wichtigen Papiere in meine DRK-Umhängetasche, Blechbecher zum Trinken (warum nicht die silbernen?). Den großen Korb mit Onkel Guidos Silber verschnüre ich, nachdem ich vorher noch unseres dazugepackt habe.

 

Da klingelt es wieder –  Frau Sch. „Du kommst natürlich mit uns, sei nach einer Stunde bei mir.“ Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn die ganze Zeit habe ich mir überlegt, wie komme ich mit den Kindern und dem Gepäck zum Bahnhof. Ich ahnte nicht, daß der 7-Uhr-Zug der letzte gewesen war, der noch in Grätz hielt. Ich packe also weiter, wecke die Kinder, die erst nicht wachzukriegen sind und dann natürlich heulen und weiterschlafen wollen. Jörn ist 7, Heike 6, Ingrid 3 und Birgit 2 Jahre alt. Ich ziehe ihnen 2 mal Unterwäsche an, x Pullover u.s.w. Irene bügelt unterdessen noch immer, das Zimmer stinkt nach verbrannter Wolle.

Nach einer Stunde ziehen wir los, die Sachen auf Kinderkarre und Kinderwagen. lrene kommt mit, auch ihr Freund, heute kümmert sich keiner um die Sperrstunde für Polen. lrene schluchzt vor sich hin, so daß ich sie beruhigen muß.

 

Als wir über den Marktplatz kommen, steht da alles voller Pferdefuhrwerke, Autos hat ja kaum einer. ln der Mitte auf einem Stuhl sitzt der Bürgermeister mit seinem kranken Bein und dirigiert. Er winkt mich heran und fragt, wie ich wegkomme. „Ich habe das bestimmt nicht geahnt und geglaubt“, sagt er.

Bei Frau Sch. heult die ganze polnische Belegschaft. Sie stopfen den Wagen mit Matratzen und Kissen aus. Vier Pferde sind vorgespannt, unsere Sachen werden aufgeladen. Da kommt Frau B. völlig aufgelöst angelaufen. „Nimm uns mit, alle Fuhrwerke sind voll, kein Zug geht mehr!“ Wir laden einen Teil der Sachen wieder ab und steigen ein. Frau Sch. mit Annagret (2), Frau B. mit 2 Jungen (2 und 3), ihre Schwiegereltern, ihre Schwägerin, die im 9. Monat ist, Amama und ich mit den Kindern.

 

Bei der Fahrt über den Marktplatz hängen sich schreiende Menschen an unseren Wagen. „Nehmt uns mit, nehmt uns mit“. Frau Sch. nimmt Frau K. mit 5 kleinen Kindern auf. Ein Teil der Sachen wird auf die Straße geworfen. Jetzt sitzen wir so eingepfercht, daß keiner sich rühren kann. Die Kinder jammern. Heike sagt: „Dieser Ausflug ist überhaupt nicht schön, ich will lieber nach Haus.“ Kaum kommen wir auf die Landstraße, sehen wir den endlosen Treck, der da gezogen kommt. Es ist schwer sich einzuordnen.

 

Inzwischen ist es eisig kalt geworden, –20 Grad. Frau Sch. ist die einzige, die kutschieren kann, nur ab und zu löst der alte Herr B. sie ab, bis seine Hände steif sind und er nicht mehr kann. Ich habe das Regiment im Wagen übernommen.

Das erste Kind muß mal. Hat jemand einen Topf? Nein, daran hat keiner gedacht. Ich habe ein Emaillegefäß mit Marmelade. Wohin mit der Marmelade? Sie wird aus dem Wagen gekippt und das erste Kind getöpft. Ein Kunststück, weil alle so eingepfercht sitzen und so entsetzlich viel anhaben. Während der ganzen Fahrt bleibt das Töpfen meine Aufgabe. Wir haben 11 Kinder unter 8 Jahren.

 

Die Schwägerin von Frau B., die Hochschwangere, fängt an zu erbrechen, jeder kriegt was ab, noch ein Gefäß haben wir nicht. Der Geruch blieb noch monatelang an unseren Sachen haften. – Pause, es ist ein Uhr nachts, alle Wagen sind stehen geblieben. Man hört nur einen gleichbleibenden Jammerton. Auf allen Wagen weinen die Kinder. Plötzlich geht es weiter.

Frau Sch. kann kaum noch die Zügel halten, weil ihre Finger so steifgefroren sind. Die Kinder schlafen langsam ein. Gegen Morgen werden alle hungrig. Wir versuchen irgendwie ans Essen ranzukommen, alles ist gefroren. Ich nehme Butter in den Mund und spucke sie den Kindern aufs Brot. Vor einer Schule wird Halt gemacht. Man kann heißes Wasser zum Trinken bekommen, herrlich!

 

Am Nachmittag wieder Halt in einem Dorf. Da bekomme ich für Zigaretten sogar Weißbrot. Wir fahren bis zum Abend. ln einer Schule kann man schlafen. Nicht auszudenken, wie schön das sein wird! Da wird uns gesagt, wir sollten um Himmels willen die Pferde nicht allein lassen, die würden alle gestohlen. Also beschließen Frau Sch. und ich bei den Pferden zu wachen. Wir legen die Kinder in der Schule auf den Fußboden, Decken haben wir genug mit, und lassen sie da in der Obhut der anderen. Die Schule ist natürlich auch übervoll. Wir wickeln uns in Decken, Frau Sch. nnimmt eine Flasche Wodka aus ihrem Gepäck und wir setzen uns auf den Bock. Im Wagen würden wir einschlafen. Es ist eisig, so trinken wir einen Schluck aus der Flasche, nach einiger Zeit noch einen, denn der Schnaps wärmt wirklich. Wir werden ganz lustig, kichern, und wenn wir abwechselnd nach den Kindern sehen, können wir es gar nicht begreifen, warum die anderen Frauen alle sitzen und weinen. Am Morgen ist die Flasche fast leer und uns ist den ganzen Tag entsetzlich schlecht.

 

Allmählich wird das Pferdefutter knapp, auch für Alkohol ist unterwegs bei den Bauern keines zu bekommen. So stellt Frau Sch. ein Pferd bei einem Bauern unter, mit der Absicht, es später mal abzuholen. Wir fahren mit Unterbrechungen, meist nachts wegen der Tiefflieger.

Plötzlich eines Tages stockt alles, ein furchtbares Durcheinander auf der Straße. „Wir können zurück, die Russen sind zurückgeschlagen“ heißt es. Viele Wagen kehren um, andere wollen weiterfahren, ein heilloses Durcheinander. Was tun? Frau Sch. will umkehren, ich nicht. Da kommt uns Militär entgegen, alle Wagen müssen zur Seite. Unser Wagen sackt ab, mit 2 Rädern stehen wir im Graben. Nicht rauszukriegen, keiner hilft, alle fahren vorbei, jeder muß sehen, daß er weiterkommt.

Schließlich stellen wir beide uns direkt vor einen anrollenden Panzer. „Sie müssen uns helfen, wir kommen allein hier nicht raus!“ Ein Offizier springt ab, schreit uns an „Was denken Sie denn, wir müssen vor, hier liegt ja jeder dritte Wagen im Graben!“ Plötzlich sagt er „Na ja“, ruft ein paar Soldaten, sie ziehen uns raus. Dann nimmt er mich beiseite „Haben Sie eine Pistole?“ „Ja“. „Dann kann ich Ihnen nur einen Rat geben, erschießen Sie Ihre Kinder, Mund auf und hineinschießen, sie merken nichts. Die Russen sind auf beiden Seiten. Bald sind Sie eingekesselt und was dann mit Ihren Kindern passiert, kann ich Ihnen nicht schildern. Ich bin seit Jahren an der Front, aber das hier kann ich nicht mehr ertragen.“ Er drückt uns beiden die Hand und sie fahren weiter. 

 

– Die Menschen werden immer verzweifelter, Kinder sterben, vor allem Säuglinge. Weil die Toten wegen Seuchengefahr nicht mitgenommen werden dürfen, versuchen die Mütter, es zu verheimlichen. Bei einem Aufenthalt kommt eine Mutter, die weiß, daß ich beim DRK bin, zu mir „Sagen Sie doch den anderen, daß mein Kind nur krank ist, es ist nicht tot, das ist nicht wahr.“ Das Kind ist ganz blau und steif. Manche legen ihre toten Kinder in  Decken gewickelt an den Straßenrand. Immer wieder laufen sie zurück und häufen noch etwas Schnee drauf, aber dann müssen sie zu ihrem Wagen zurück, da sie sonst den ganzen Treck aufhalten.

Eine Frau ist in ein Haus gelaufen, um zu sehen, ob sie etwas Eßbares bekommt. Als sie zurückkommt, ist die Kolonne so schnell weitergefahren, daß sie den Wagen nicht mehr findet, auf dem ihre Kinder sitzen. Verzweifelt läuft sie von Wagen zu Wagen und ruft die Namen ihrer Kinder. Da sehe ich, wie gut es ist, daß meine alle ihren Namen auf dem Mantel haben. In letzter Minute, bevor wir loszogen, fiel mir das ein. Ich riß ein Handtuch aus dem Schrank, zerschnitt es und malte Namen, Alter und Anschrift der Kinder darauf. Mit  Sicherheitsnadeln machte ich diese Lappen auf dem Rücken der Mäntel fest.

 

Als wir in die Nähe von Neu-Bentschen kommen, sind die Straßen völlig verstopft, es geht nicht weiter. Ich bin dafür, den Wagen stehen zu lassen und zu versuchen, einen Zug zu erwischen, die anderen auch, nur Frau Sch. will ihre Pferde nicht im Stich lassen. Als es aber gar nicht weiter geht, finden wir einen Bauern, der Pferde und Wagen nimmt und uns erlaubt, unsere Sachen „einstweilen“ bei ihm in einer Scheune unterzustellen. Da schleppen wir also unsere Koffer und den großen Korb mit dem Silber hin. Ich nehme nur eine Steppdecke, einen Koffer und eine Tasche mit Lebensmitteln mit.

Wir müssen kilometerweit durch Schneematsch bis zum Bahnhof wandern. Birgit geht tapfer mit, sie ist ja erst 2 ½, Ingrid 3 ½. Ab und zu muß ich sie aber doch schleppen, dann müssen Jörn und Heike tragen helfen. Auf dem Bahnhof steht Mensch an Mensch. Völlig aussichtslos, sich da anzustellen.

 

Frau Sch., gewandt wie sie ist, treibt einen Bahnbeamten auf. Sie hat noch Alkohol und ich Zigaretten — alle Zuteilungen, die ich Helmuth (ihr Mann) nicht mehr schicken konnte. Erfolg –  als nach ein paar Stunden ein Zug kommt, schließt der uns einen verschlossenen Waggon auf und wir können als erste einsteigen.

Natürlich drängt alles nach und in dem Gedränge merke ich, wie meine Umhängetasche mit allen Dokumenten abreißt. Ich muß aber erst Amama und die Kinder hineinbugsieren und als ich mich dann umdrehe, ist die Tasche irgendwo zertrampelt. Kein Gedanke daran, sie zu suchen, dann wäre ich nicht mehr reingekommen. ln dem Moment kann ich das auch gar nicht übersehen, was das Fehlen der meisten Papiere (einige habe ich noch in meiner Handtasche) mir später auf allen Behörden für Schwierigkeiten machen wird.

Wohin sollen wir jetzt eigentlich fahren, wohin geht der Zug überhaupt? Bis Berlin! Frau Sch. überredet mich, mit ihr nach Potsdam zu kommen. Dort in der Nähe ist ihr Mann als Soldat stationiert. Irgendwie kommen wir auch über Berlin nach Satzkorn bei Potsdam.

 

Ich werde nach endlosen Verhandlungen auf dem Gemeindeamt bei einem Obstbauern eingewiesen. Wir bekommen ein Zimmer mit zwei Betten, Tisch, zwei Stühlen und einem eisernen Ofen, eigentlich die Kammer eines Knechtes, und sind glücklich. Wir fallen kreuz und quer auf die beiden Betten und schlafen wie Steine. Als wir aufwachen, stelle ich fest, wie unbeschreiblich schmutzig wir alle sind. Amama meint, diese Dreckschicht werde nie mehr abgehen. Aus dem nahen Wald kann ich mir Reisig holen, Wasser auf dem Ofen heiß machen und schrubbe und schrubbe bis die rosa Haut wieder zum Vorschein kommt.

 

Die erste Mahlzeit gibt uns die Bäuerin, weil ich noch keine Lebensmittelkarten habe. Als ich die am nächsten Tag bekommen habe, gehe ich einkaufen, vier Kilometer weit ist das nächste Geschäft. Jedesmal nehme ich zum Einkaufen ein Kind mit, die anderen bleiben bei Amama. An einem der nächsten Tage stapfe ich mit Heike an der Hand über einen Feldweg. Weit und breit kein Mensch außer uns. Da kommt ein Tiefflieger, fliegt weiter, kehrt wieder um und fängt an zu knattern. Das gilt uns, wir werfen uns hin und er fliegt weiter, kehrt aber noch einmal um und schießt wieder. Wieder werfe ich Heike und mich hin, bis er abdreht. Naß und schmutzig, wie wir sind, gebe ich das Einkaufen auf und habe seitdem Angst, die Kinder mitzunehmen.

Die Bauern sind nicht unfreundlich, kommen aber nie auf den Gedanken, uns etwas Eßbares abzugeben. Wenn ich unser dünnes Süppchen auf ihrem Herd koche, bruzzelt nebenbei Schweinebraten oder sonstwas. Ihre polnischen Landarbeiter behandeln sie schlecht. Deren Essen ist womöglich noch magerer als unseres. Daraus entsteht eine gewisse Solidarität. Einer von ihnen schleppt mir Berge von Reisig aus dem Walde heran.

 

Die Angriffe auf Berlin werden immer schlimmer. Satzkorn liegt in der Anfluglinie. Wenn ich die Kinder abends schlafen lege, ziehe ich ihnen nur die Schuhe aus. So schnell könnte ich sie im Dunkeln bei Alarm gar nicht anziehen, um in den Keller zu gehen. Dort sitzen wir umgeben von Obst, bekommen aber nie etwas ab. Ab und zu stecken die Polen den Kindern etwas zu, natürlich geklaut.

lm Dorf sind Anschläge – langer Daueralarm bedeutet Feindalarm – , mit anderen Worten, dann sind die Russen da. Ich versuche Frau Sch. zu überreden, mit uns abzuhauen. Sie will nicht, hat ein gutes Zimmer, arbeitet beim Bauern, nein – sie bleibt. Amama will auch auf keinen Fall, wohin sollen wir denn?

 

Eines abends komme ich aus dem Dorf und wer sitzt da – Pappi! Über Rodi (ihren Bruder), der in Bayern stationiert ist, hat er erfahren, wo wir sind. Er mußte länger in Posen bleiben als leitender Ingenieur beim Wasserwerk. Er hat gleich am Tage seiner Ankunft in Potsdam eine Arbeit gefunden, weiß aber, daß Mammi und Helga (ihre Schwester) in Wernigerode/Harz sind. Ich überrede ihn, mit uns nach Wernigerode zu fahren. Er will erst seine Arbeit nicht aufgeben, ist dann aber doch bereit.

Am Tage darauf verlange ich auf dem Bahnhof Fahrkarten nach Wernigerode und werde ausgelacht. „Wie wollen Sie da denn hinkommen? Um Magdeburg herum ist doch alles kaputt. Sie bleiben irgendwo auf der Strecke liegen.“

Jetzt werde ich doch wieder schwankend. Aber als ich zurückkomme ist der Bauer ganz verstört. Er hat seine Einberufung zum Volkssturm bekommen. Um Berlin soll schon gekämpft werden, Nun baut er im Garten einen Bunker und fleht mich an dazubleiben, damit die Frau nicht allein mit den Polen bleibt. (Sie ist, wie ich später von Frau Sch. hörte, von den Polen zu Tode vergewaltigt worden).

 

Das gibt den Ausschlag. Ich renne zurück zum Bahnhof, kaufe die Fahrkarten und als Pappi am Abend kommt, ziehen wir auf gut Glück los. Die Nacht verbringen wir auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin. Die Kinder liegen auf einem großen Tisch und schlafen. Voralarm –  Entwarnung – Voralarm – Entwarnung. Gott sei Dank, ich brauche sie nicht zu wecken!

Am nächsten Morgen steigen wir in einen Zug Richtung Magdeburg (Zwei Stunden später wurde der Potsdamer Bahnhof zerstört). Wir kommen in ein Abteil „Mutter und Kind“ und fahren los. Ab und zu hält der Zug auf freier Strecke – Flieger – . Viele steigen aus und rennen in den Graben. Wir bleiben drin und schubsen die Kinder unter die Bänke. Ein Beamter geht durch den Zug und ruft etwas. Ich verstehe „Wernigerode/Harz“ und tatsächlich, als ich ihm nachlaufe, ruft er: „Dieser Zug wird umgeleitet, er fährt durch bis Wernigerode/Harz“. Das war einfach zu schön, um wahr zu sein! So landeten wir in Wernigerode.

 

(Geschrieben im Sommer 1975, Brita Schneider)

 

Fortsetzung folgt …