Coco_2014-11-22 um 17.20.09

Freiheit und Verbindlichkeit

Fortsetzung des Gesprächs, das Hardo Bicker für die erste Ausgabe mit Jorge Vizcarra (Coco) geführt hat.

 

Jorge Vizcarra (Coco) ist Peruaner mit Quechua-Wurzeln und lebt mit seiner Frau Barbara und ihren beiden Kindern in Deutschland. Schon lange beschäftigt er sich intensiv mit der Geschichte und den Hintergründen der Quechua-Kultur seiner Vorfahren. Er begleitet Reisegruppen aus Deutschland nach Peru, um ihnen seine Faszination und Liebe für sein Land, dessen Geschichte und Menschen zu vermitteln. Mit seiner Familie setzt er sich seit Jahren für die Unterstützung seiner bis heute diskriminierten Landsleute sowie die Erhaltung und Förderung der indigenen Kultur ein. Der Verein „Inti Punku“, den sie für diesen Zweck gegründet haben, unterstützt u.a. eine Schule in Cuzco, die sowohl die traditionelle Kultur als auch moderne Lehrmethoden in ihren Unterricht integriert.

 

Ich würde gerne an unser letztes Gespräch anknüpfen. Du hast am Ende über den Wert von Verbindlichkeit gesprochen, in einer Zeit, in der viele Menschen in der westlichen Kultur an Einsamkeit und dem Mangel an Liebe leiden und sich nach Gemeinschaft und Geborgenheit sehnen. Wie können wir Verbindlichkeit untereinander entwickeln in einer Kultur wie der unsrigen, in der jederzeit fast alles Materielle zur Verfügung steht und die Ablenkung so groß ist?

 

Meine Erfahrung aus vielen Workshops und verschiedenen Kreisen ist, dass fast alle, so souverän und stark sie auch auf den ersten und zweiten Blick wirken, die gleichen menschlichen Schwächen, Ängste und Sehnsüchte haben. Jede und jeder braucht Liebe. Das ist ganz natürlich. Wenn man geliebt wird, gibt einem das Kraft. Meine Mama sagt mir manchmal, wenn ich sie in Peru besuche: „Weißt Du Coco, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an Dich denke.“ Und da freue ich mich, ich kann ihre Liebe spüren. Ich mache das auch mit meinen Kindern. Ich denke jeden Tag an sie und wünsche, dass es ihnen gut geht, egal wo sie gerade sind. Und in dem Gefühl der Liebe entsteht sofort Verbindung, egal wie weit der andere weg ist. Das meine ich mit Verbindlichkeit, dass man gegenseitig an sich denkt, sich hilft und man sich verlassen kann auf die gegenseitige Hilfe und Liebe. So kann man sich gegenseitig stärken. Und das ist eine schöne Art sich zu stärken … lacht.

 

In Peru gibt es eine Kultur des Gebens. Wir geben erst einmal und fragen nicht, was wir dafür bekommen. Jemanden, der gerne gibt, kann man leicht lieben, und so ist es eigentlich ganz einfach. Man kann etwas für die Verbindlichkeit tun, indem man zuerst etwas gibt in die Gemeinschaft, aus Freude am Geben, nicht aus Verpflichtung heraus und ohne Erwartung. Wenn man das so macht, und das ist eine Gesetzmäßigkeit, dann bekommt man mehr zurück, als man gegeben hat. Aber man darf keine Erwartungen dabei haben. Wenn ich z. B. in den Bergen bin und erschöpft von einer Tour, aber noch ein gutes Stück zu laufen habe, dann widme ich das letzte Stück, das immer am anstrengendsten ist, jemandem aus meiner Familie oder von meinen Freunden, der oder die krank ist und Unterstützung braucht. Ich denke mit jedem Schritt an diesen Menschen und wünsche, dass es ihm besser geht – wie ein Gebet. Ich gebe meine Energie nicht für mich, sondern für jemand anders. Und ich habe gleich mehr Kraft. Das ist die Kraft der Liebe.

 

Die meisten Menschen in unserer Kultur haben etwas anderes gelernt. Hier ist es üblich, dass man genau schaut, was man zurückbekommt, wenn man etwas gegeben hat. Viele sind sehr vorsichtig beim Geben, aus Angst, zu kurz zu kommen. Es gibt ein starkes Mangeldenken, obwohl eigentlich genug da ist.

 

Hier in Deutschland sind viele traditionellen Beziehungen auseinandergebrochen. Die Kinder leben ihr eigenes Leben, wenn sie erwachsen sind. Die Alten kommen ins Heim. Ihr hattet hier zwei große Kriege kurz hintereinander. Das hat die Generationen voneinander getrennt. Nach dem Krieg konnten viele Eltern ihren Kinder keine Gefühle zeigen. Das Kriegstrauma  war zu groß. Die Kinder haben das dann weitergetragen. Bei uns ist es z. B. ganz normal, dass die Eltern ihre Kinder umarmen, auch wenn sie älter sind.

 

Aber wenn man mit so einem emotionalen Mangelgefühl aufwächst und nicht genug Liebe bekommt als Kind, dann ist es schwer, Vertrauen zu entwickeln und selber Liebe weiterzugeben. Und das drückt sich in allen Bereichen aus. Ein Sprichwort bei uns sagt, dass es sieben Generationen braucht, bis so starke Traumata wie Kriege vollständig bewältigt sind.

 

Aber man kann etwas tun, man kann sich zusammentun und gemeinsam üben, zu vertrauen, zu teilen und sich gegenseitig zu beschenken, und man wird feststellen, dass Teilen viel schöner ist. Alle Lebewesen leben so, im Wechsel von Geben und Nehmen. Ayni ist unser Wort für diese Reziprozität.

 

Ich sehe unsere Lage aber auch als große Chance. Dadurch dass wir mehr oder weniger frei sind von traditionellen Banden, so viele Nachteile das auch hat, können wir uns mit den Menschen zusammentun, mit denen wir uns wirklich verbunden fühlen.

 

Ja, das stimmt. Wir haben hier alle Möglichkeiten. Wir können zusammenrücken oder wir können allein bleiben. Viele kennen es nicht anders. Sie leben in einem Paradox. Einerseits sind sie einsam und unglücklich, gleichzeitig haben sie aber Angst, Verbindlichkeiten einzugehen, weil sie dann ihre scheinbare Freiheit aufgeben müssten.

 

Es gibt aber auch schon viele Beispiele, wo sich Menschen in Gemeinschaften und Kreisen zusammentun. Die Frage ist immer, warum man verbindlich miteinander ist. Es gibt hier in Deutschland viele Vereine und Clubs, die ein gemeinsames Thema haben, das sie verbindet und zusammenhält. Daran kann man gut sehen, dass es wichtig ist, eine gemeinsame Grundlage zu haben, um verbindlich miteinander zu sein. Auch viele Jugendliche, die z. B. Neonazis sind, suchen eigentlich nur eine Familie, zu der sie dazugehören und wo sie respektiert werden. Dort entsteht die Verbindlichkeit aus einem gemeinsamen Hass gegen andere.

 

Umso schöner ist es, wenn sie auf der Basis von Freundschaft und Liebe entsteht.

 

Wir haben hier in Deutschland z. B. einen Kreis von ungefähr fünfzehn Menschen. Wir treffen uns viermal im Jahr für ein langes Wochenende, um uns gegenseitig zuzuhören und Anteil zu nehmen aneinander. Wir sitzen zusammen in der Schwitzhütte und verbinden uns mit Mutter Erde. Das ist ein sehr schönes verbindendes Ritual. Es ist wichtig, etwas Gemeinsames zu haben, auf das sich alle freuen, eine gemeinsame Basis.

 

Wir haben die Vereinbarung, dass wir in der Zeit, in der wir uns nicht sehen, einmal pro Woche zu einer bestimmten Zeit aneinander denken. Ich stelle mir dann vor, wie wir alle im Kreis sitzen und ich denke an jeden einzelnen und freue mich, dass die anderen an mich denken. Es ist ein schönes Gefühl und das schafft Verbindung und Vorfreude auf das nächste Treffen.

 

Es gibt bei uns in Peru Rituale, mit denen wir einen Freund zu einem Verwandten machen. Dadurch wird die Beziehung enger, wir sind füreinander da. Es entsteht eine Verbindlichkeit, die uns beide stärkt. Es gibt viele Möglichkeiten, was man machen kann.

 

Eine der wichtigsten Fragen, die sich uns heutzutage stellt, scheint mir zu sein, wie wir die Werte und Qualitäten aus den alten Traditionen in die heutige Zeit retten und daran anknüpfen können – und wie wir sie mit der Freiheit und Wahlmöglichkeit verbinden und bereichern können, die wir u. a. auch durch das mentale Herauslösen aus überholten traditionellen Gewohnheiten gewonnen haben. 

 

Wenn wir das gemeinsam tun, als Kollektiv, und uns dabei gegenseitig respektieren, vertrauen und in unseren Qualitäten bestärken, dann haben wir die Chance, trotz aller Unterschiede zwischen uns, neue Regeln und Traditionen zu schaffen und gleichzeitig die alten Traditionen zu würdigen und zu bewahren, die für uns heute noch wichtig sind.

 

Wir können das nur gemeinsam schaffen, indem wir uns ohne Erwartung dem Leben hingeben, indem wir das Leben lieben lernen, in allen seinen Ausdrucksformen.

 

Was uns am Leben hält, sind unsere Beziehungen – zur Natur, zur Erde, zu anderen Menschen, zu allem, was lebendig ist. Wenn ich diese Beziehungen nicht hätte, würde mich nicht so viel im Leben halten. Je intensiver die Beziehungen sind, desto mehr Gründe haben wir, hier zu sein; desto mehr Lust und Energie haben wir, uns für diese Beziehungen, für das Lebendige einzusetzen und uns gegenseitig zu unterstützen, und zwar freiwillig, aus Liebe. Wir freuen uns an unseren Beziehungen und das gibt uns Kraft. Das hält uns lebendig.

 

Neugierig?  www.inkareisen.de

Unterstützen?  www.inti-punku.de   www.kusikawsay