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Ist unsere Sicht auf die Welt verantwortlich für die Krisen unserer Zeit? … und ist das integrale Bewußtseinsmodell des Kulturphänomenologen Jean Gebser möglicherweise ein Schlüssel zu besserem Verständnis und klarer Sicht?

„Was wir heute erleben, ist nicht etwa nur eine europäische Krise. Sie ist auch nicht eine bloße Krise der Moral, der Wirtschaft, der Ideologien, der Politik, der Religion. (…). Sie ist eine Weltkrise und Menschheitskrise, wie sie bisher nur in Wendezeiten auftrat, die für das Leben der Erde und der jeweiligen Menschheit einschneidend und endgültig waren. Die Krise unserer Zeit und unserer Welt bereitet einen vollständigen Umwandlungsprozess vor, der, vorerst noch autonom, einem Ereignis zuzueilen scheint, das von uns aus gesehen nur mit dem Ausdruck „globale Katastrophe“ umschrieben werden kann, das, von einem nicht bloß anthropozentrischen Blickpunkt aus gewertet, sich als eine Neukonstellation planetaren Ausmaßes darstellen muss.“ 1

 

Als ich vor ca. vier Jahren auf Jean Gebsers Mammutwerk „Ursprung und Gegenwart“ gestoßen bin, hatte ich Zeit. Ich spielte gerade mit den ersten Ideen zu diesem Magazin und war von Beginn der Lektüre an gebannt und überwältigt ob der Sprachgewalt und Klarheit, mittels der er seine Landkarte der Bewusstseinsentwicklung der Menschheit vor mir ausbreitete. Ich habe mich in sein Werk versenkt und alles von ihm gelesen, was ich in die Finger kriegen konnte. Ken Wilber, der ja als der Wegbereiter der Integralen Theorie gilt, hatte zwar schon meine Neugier geweckt, förmlich in Aufruhr versetzt und euphorisiert haben mich aber erst die Worte Gebsers, der Wilber mit seinem Werk maßgeblich beeinflusste.

 

Er entwirft in „Ursprung und Gegenwart“ einen überwältigenden Überblick über die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins von der Frühzeit bis heute. Mit einer beeindruckenden Zahl an Indizien aus allen Bereichen der Kulturgeschichte zeigt er, dass sich im Laufe der Geschichte vier Bewusstseinsstrukturen im Menschen entfaltet haben.

Ihm zufolge begann die Entwicklung mit der ursprünglichen archaischen, darauf folgte die magische, darauf die mythische und ca. um 500 v. Chr. begann sich mit dem Auftauchen Sokrates und Platons in Griechenland, Buddhas in Indien und Laotses und Konfuzius in China die derzeit in unserem Kulturkreis noch dominante mental-rationale Struktur zu entfalten.

 

Dieser Wandel von einer Bewusstseinsstruktur zur nächsten war jeweils ein Prozess, der Jahrhunderte dauerte, bis er vollzogen war, und auch nicht überall zur gleichen Zeit stattfand.

 

Die nacheinander entstandenen Bewusstseinsstrukturen oder -frequenzen, wie er sie später auch nannte, bauen zwar aufeinander auf, stellen aber jeweils etwas elementar Neues zur Verfügung, was aus den vorherigen nicht ableitbar gewesen ist. Deswegen spricht er auch von Bewusstseinsmutationen.

 

Immer wieder weist er darauf hin, dass es sich bei der jeweils neuen Struktur nicht um eine bessere, höherwertigere handelt, sondern um eine auf den vorherigen aufbauende. Sie fügt etwas hinzu und bereichert dadurch die bisherigen Strukturen.

Analog dazu ist die Bewusstseinsentwicklung bei Kindern, bei denen das Durchlaufen dieser vier Phasen ebenso zu erkennen ist. 2

 

Durch die erste Mutation löst sich aus der undifferenzierten Einheit (archaisches Bewusstsein – Paradieszustand) das magische Bewusstsein.

 

„In dieser magischen Struktur wird der Mensch aus dem ,Einklang‘, der Identität mit dem Ganzen, herausgelöst. Damit setzt ein erstes Bewusstwerden ein, das noch durchaus schlafhaft ist: der Mensch ist zum ersten Male nicht mehr nur in der Welt, sondern es beginnt ein erstes, noch schemenhaftes Gegenübersein. Und damit taucht keimhaft auch jene Notwendigkeit auf: nicht mehr nur in der Welt zu sein, sondern die Welt haben zu müssen (…). Von uns aus gesehen spielt sie (die magische Struktur, der Verf.) sich in der Vorzeit ab. Dieser äußerst glückliche, von der Wissenschaft geprägte Ausdruck, mit dem man die praehistorische, vorgeschichtliche Zeit bezeichnet, macht uns eines der wesentlichen Elemente des Magischen deutlich: er weist uns darauf hin, dass es vor der Zeit, vor dem Zeitbewusstsein liegt.“ 3 

 

Ein Mensch dieser Bewusstseinsstruktur versucht sich mittels magischer Praktiken vor dem gefahrvollen Gegenüber, der Natur, zu schützen, sie zu bannen und zu beherrschen.

 

Mit dem mythischen Bewusstsein entsteht ein erstes Bewusstsein von Zeit, einer kreisenden und noch nicht linear nach vorne gerichteten Zeit. Jahreszeitenrituale, Astronomie und die Kalendersysteme der Hochkulturen entstehen. Es ist eine mehr nach innen gerichtete Struktur, die das Psychische und das Seelische hervorbringt – Himmel und Hölle, Unterwelt und Oberwelt und dazwischen der Mensch -, eine von Polaritäten gekennzeichnete Welt.

 

Mythos: (…) das Innen-Erschaute und gleichsam Erträumte findet seine polare Entsprechung und Bewusstwerdung in der dichterisch gestalteten Aussage. So ist das Wort stets Spiegel des Schweigens; so ist der Mythos Spiegel der Seele.“ 4

 

Über die Götterwelt werden die Kräfte und Qualitäten im Außen sichtbar und werden demzufolge bewusst, sind aber getrennt vom Menschen. Über Rituale und Mythen wird die Verbindung zu diesen Kräften wieder hergestellt – die Entstehung von Religionen (re-ligio). *

 

Merkmale der mental-rationalen Bewusstseinsstruktur sind gemäß Gebser die Herausbildung eines sich selbst bewussten Ichs und demzufolge ein Denken aus der Ich-Perspektive heraus. Diese Ich-Perspektive ermöglicht eine Bewusstwerdung des Raumes und damit eine Distanzierung von ihm. Für das mentale Bewusstsein wird die Welt zum Gegenüber eines Ichs, das sich bewusst von seiner Umgebung abgrenzt und so den Raum verfügbar macht. Dadurch ist es aber auch getrennt vom Ursprung, von der Einheit. Der trennende Dualismus wird mittels denkerischer Synthese überbrückt.

 

Zeit wird nicht länger als kreisend, sondern als linear wahrgenommen. In der christlichen Lehre ist alles Geschehen „teleologisch“, zielorientiert und geht einem „jüngsten Gericht“ entgegen. Das Rüchsichtslose dieser Bewusstseinsstruktur ist diesem nach vorne gerichteten Zeitpfeil geschuldet.

 

Sie hat, laut Gebser, ihren Höhepunkt bzw. ihre effiziente Phase schon seit Längerem überschritten. Alles wird gemessen und zerteilt. Qualitäten werden in Quantitäten umgewandelt. In der Medizin z. B. werden Körper und Psyche fragmentiert und die einzelnen Teile werden, einer Maschine gleich, „repariert“ oder ausgetauscht, als wenn sie keinen Bezug zum Ganzen hätten. Ebenso wird bei der Gentechnik verfahren, ohne zu wissen, was das in einem Gefüge, das über Jahrmillionen entstanden ist, auf längere Sicht auslösen könnte. Bei Nahrungsmitteln geht es nur noch um ihren Wert an der Börse und die mit ihnen zu erzielenden Gewinne. Hunger- und Kriegstote sind bloße Zahlen in Statistiken.

 

Die ersten Boten eines neuen Bewusstseins erspähte Gebser zu Beginn des 20. Jahrhunderts u. a. in der Auflösung der Ich-Perspektive in der Malerei, dem Perspektivenwechsel in der Literatur, der Relativitätstheorie und der Quantentheorie.

 

„Eine Überwindung des jetzigen Zustandes der Welt, die wahrscheinlich ihren rationalistischen und technokratischen Höhepunkt bald erreicht haben wird, kann weder durch die Ratio noch durch die Technokratie, aber ebensowenig durch ein Predigen und Mahnen zu Ethos und Moral oder durch ein irgendwie geartetes Zurück geschehen.
Wir können nur eins tun: In der Betrachtung aller Äußerungen unserer Zeit so weit und so tief vorzustoßen, dass uns die dämonischen und zerstörenden Aspekte nicht mehr bannen, so dass wir nicht nur sie sehen, sondern hinter und unter ihnen die unermesslich starken Keimlinge des Neuen wahrnehmen, für das die einstürzende Welt den Humus liefert. Diese Keime und Ansätze müssen sichtbar und einsehbar gemacht werden. Und die Einsicht in die Kräfte, die zur Entfaltung drängen, hilft ihrerseits diesen Kräften sich zu entfalten.“ 5

 

Jean Gebser bezeichnet die sich nun mehr und mehr herauskristallisierende neue Struktur als integral. Ein Mensch der integralen Bewusstseinsstruktur wird sich, gemäß Gebser, aller bisherigen Strukturen gewahr und integriert diese bewusst. Das ist aber kein rationaler Denkvorgang, sondern ein Durchsichtigwerden, ein Transparentwerden. Es ist ein Wahrgeben, wie Gebser es nennt.

 

Dem integralen Menschen werden die verschiedenen Strukturen ebenso durchsichtig wie deren Auswirkungen auf sein Leben. Er kann sich bewusst von der Ich-Perspektive lösen und diese durch das Einnehmen anderer Perspektiven erweitern. Er erkennt die verschiedenen Zeitformen – die Zeitlosigkeit des magischen Bewusstseins, die zyklische Zeit des mythischen Bewusstseins, die lineare, vorwärtsgerichtete Zeit des rationalen Bewusstseins – , befreit sich von ihnen und kann dadurch frei über sie verfügen. Er realisiert die von Gebser so genannte Zeitfreiheit.

 

Im Grunde leistet das integrale Bewusstsein eine Bewusstwerdung des Ursprungs, des archaischen Bewusstseins unter dem bereichernden Einbezug aller nachfolgenden Bewusstseinsstrukturen. Diese zurzeit sich „bietende“ Bewusstseinsmöglichkeit muss wie alle anderen vorher auch bewusst ergriffen und vollzogen werden, wie Gebser immer wieder betont. Sie verwirklicht sich nicht von selbst.

 

Die Essenz des gebserschen Denkens kommt meiner Meinung nach im letzten Absatz seines Aufsatzes „Vom spielenden Gelingen“ hervorragend zum Ausdruck:

 

„Aber nur demjenigen, der durch hartnäckige Arbeit dahin reift, dass er im Einklang steht mit dem, was er tut, der also nichts vergewaltigt noch erzwingt, der sich von dem verfälschenden Verstricktsein im eigenen Ich befreite, dem fallen die Dinge und Geschehnisse zu, weil er von ihnen weder getrennt, noch mit ihnen verschmolzen ist; denn er hat die Ich-Welt-Spannung aufgehoben und überwunden, er hat den Subjekt-Objekt-Gegensatz, das Gegenübersein, in das Miteinander verwandelt.“ 6

 

 

*Die Wirkweise dieser Bewusstseinsstruktur ist rational nicht zu verstehen weil sie vorrational ist. In dem Buch „Neun Tore – Das Geheimnis der Chassidim“ von Georg Langner, das als ein wesentliches Dokument jüdischer Mystik gilt und eine Fülle von Legenden des osteuropäischen Chassidismus des 18. und 19. Jahrhunderts versammelt, ist Folgendes zu lesen:

„Rabbi Nachmann von Bratzlaw sagt ausdrücklich, dass keineswegs alles, was man vom heiligen Baal Schem erzählt, wahr ist; aber heilig ist auch das, was nicht wahr ist, nur wenn das fromme Volk von ihm, dem heiligen Mann, so erzählt.“ 7

 

Es geht bei den Erzählungen der Chassidim um die Wirk- und identitätsstiftende Kraft der Geschichten, nicht um ihren Wahrheitsgehalt. Der Neuromarketingexperte Dr. Werner T. Fuchs sagt dazu:

„Für das Unbewusste spielt es keine Rolle, ob eine Geschichte wahr ist. Dem Unbewussten geht es um Wahrscheinlichkeit, das hat mit Wahrheit nichts zu tun. Wenn das Unbewusste meint, es lohne sich an eine Geschichte zu glauben, dann glaubt es sie. Es geht um Glauben, nicht um Wahrheit. Deshalb lässt es sich auch überlisten.“ 8

 

Ein eindrückliches, aktuelles Beispiel der Kraft von Geschichten und Legenden ist z. B. der tiefsitzende Glaube an die alternativlose Notwendigkeit von fortwährendem Wirtschaftswachstum. Die Wirkkraft dieses Mythos ist in allen Lebensbereichen spürbar.

Ist es so, wie Jean Gebser sagt, dass die mythische Bewusstseinsstruktur nach wie vor in uns wirkt, lohnt es sich meiner Meinung nach, die Mythen und Legenden zu identifizieren, die uns umgeben und beeinflussen und vor allem solche herauszufiltern oder neu zu kreieren, die das Leben zum Blühen bringen.

 

1 Jean Gebser, „Ursprung und Gegenwart“, S. 15, Deutscher Taschenbuch Verlag 1973 – Vorwort zur 1. Ausgabe von 1949
2 siehe z. B. die vier Stadien der kognitiven Entwicklung bei Kindern im Entwicklungsmodell Jean Piagets
3 Jean Gebser, „Ursprung und Gegenwart“, S. 87 f., Deutscher Taschenbuch Verlag 1973
4 ebd. S. 106
5 ebd. S. 114
6 ebd. S. 29
7 Jean Gebser, „Ein Mensch zu sein“, S. 48, Francke Verlag, Bern 1974
8 Georg Langer, „Neun Tore – Das Geheimnis der Chassidim“, Otto Wilhelm Barth-Verlag, 1959
9 Werner T. Fuchs, „Das Hirn braucht Helden“, auf www.kircher-burkhardt.com