Biene&Blume

Zuhören erweitert den Horizont

Wer kennt solche Situationen nicht. In Diskussionen mit Freunden oder Kolleginnen, bei Beziehungsstreitigkeiten, aber auch wenn man oder frau mit sich selbst um eine Entscheidung ringt, oft entsteht schlechte Stimmung oder Streit, weil beide Seiten recht haben und nicht nachgeben wollen.

Nahezu allen Entscheidungen und Problemlösungen geht ein Kommunikationsprozess voraus, egal ob es sich um zwei, um mehrere oder den gedanklichen Prozess nur einer Person handelt.

Meistens konkurrieren verschiedene Positionen oder Möglichkeiten miteinander und nur eine kann „gewinnen“, bestenfalls wird ein Kompromiss geschlossen, bei dem nur Teilaspekte jeder Position berücksichtigt werden. Das führt notgedrungen zu Kämpfen, Frust, Verhärtungen und zum Zurückhalten von Informationen aus taktischen Gründen. Und nicht selten treffen sich die „Kontrahenten“ im Gerichtssaal wieder oder es wird in den Krieg gezogen, in den kalten oder in den heißen.

 

In dieser Rubrik werden wir einige der in den letzten Jahrzehnten entwickelten (r)evolutionären Kommunikationsmethoden bzw. -haltungen vorstellen, die alle einen wesentlichen Aspekt gemeinsam haben. Sie erleichtern den Gesprächspartnern über die Ich-Perspektive hinauszuwachsen und dadurch einander wirklich zuzuhören und zu verstehen. Dadurch kann sich das dualistische Denken („entweder du hast recht oder ich, eine 3. Möglichkeit gibt es nicht“) zu Gunsten eines „sowohl als auch“ wandeln. Die Frage ist nicht, wer Recht hat, sondern wie die Bedürfnisse aller Parteien Berücksichtigung finden und wie gerade durch die Betrachtung aller Meinungen die bestmögliche Entscheidung getroffen werden kann.

 

Die Frage ist nicht, wer Recht hat, sondern wie die Bedürfnisse aller Parteien Berücksichtigung finden … 

 

Unter anderem werden wir uns hier der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg, dem Gemeinschaftsbildungsprozess nach M. Scott Peck („Wir-Prozess“), dem „Dialog“ im Geiste David Bohms, den „Denkhüten“ von Edward de Bono und der „Theorie U“ von C. Otto Scharmer widmen.
Um den Schritt in die Praxis zu erleichtern, werden wir Termine von Seminaren und Kursen zu diesem Thema im Veranstaltungskalender des Magazins veröffentlichen.

 

Bei dem oben genannten Hinauswachsen über die Ich-Perspektive geht es nicht um eine Ablehnung dieser oder um ein ängstliches Zurückweichen vor der eigenen Position, sondern im Gegenteil zunächst einmal um ein souveränes Anerkennen der eigenen Perspektive. Denn erst das ermöglicht anzuerkennen, dass jeder andere und jede andere ebenso eine eigene Perspektive hat und dass jede Perspektive notgedrungen nur die Sicht auf einen Teil des betreffenden Sachverhalts ermöglicht.

Wenn das erkannt wird, ist es möglich, ein wenig Abstand von der eigenen Position zu nehmen, um dadurch die Möglichkeit zu haben, anderen mit Empathie zuzuhören und deren Sichtweisen als gleichberechtigt und mehr noch, als bereichernd anzuerkennen. Dadurch können Lösungen und Ideen entstehen, die nur durch die Gesamtwahrnehmung und Berücksichtigung aller vorhandenen Perspektiven möglich sind.

 

Alle diese Methoden verlangsamen und entspannen den Kommunikationsprozess, führen zu gegenseitiger Wertschätzung und zu einer Horizonterweiterung aller Beteiligten. Und die Erfahrung zeigt, dass Entscheidungsfindungsprozesse und Einigungen meistens, scheinbar paradoxerweise, deutlich schneller gelingen, wenn solche verlangsamenden Methoden genutzt werden.

 

 



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