Abgrund-Dollar

Der Wandel vom Ego- zum ganzheitlich integrierenden Bewusstsein

Wie unser Verständnis der Welt unser Denken, Fühlen und Handeln steuert.

 

Seitdem es Menschen auf diesem Planeten gibt, stellen sich diese wahrscheinlich die Frage nach dem Aufbau des sie umgebenden Universums bzw. nach ihrer Beziehung zu ihm.

Im Laufe der Jahrtausende haben sie auf Grund ihrer Beobachtungen und Entdeckungen unterschiedliche Modelle bzw. Kosmologien entwickelt, die zur jeweiligen Zeit mit ihren jeweiligen Mitteln wahrscheinlich die bestmöglichen waren.

Durch die Betrachtung der Geschichte der Menschheit und ihrer Welterklärungsmodelle erkennt man, dass jedes Modell irgendwann von einem anderen abgelöst wurde, natürlich auch abhängig vom jeweiligen Kulturkreis.

In der gegenwärtigen Zeit und in unserem weitreichenden Kulturkreis herrscht „noch“ das sogenannte mechanistisch materialistische Weltbild vor. Innerhalb dieses dualistischen Modells gelten Geist und Materie als getrennt voneinander, und alles wird als aus austauschbaren Einzelteilen bestehend betrachtet.*

 

*In der Genetik werden unerwünschte Segmente des Genoms durch erwünschte ersetzt, in der Geopolitik unliebsame Regierungen durch scheinbar demokratischere. Der Erde werden Unmengen an Rohstoffen entnommen, wofür in riesigen Gebieten die komplette Flora und Fauna zerstört wird. Dieses Vorgehen hat offensichtlich weitreichende zerstörerische Konsequenzen. Es berücksichtigt nicht, dass die einzelnen Teile der jeweiligen Systeme vielfältig miteinander verwoben sind und diese sich über Jahrhunderte, Jahrtausende oder über noch längere Zeiträume entwickelt haben. Kein Mensch kann vorhersagen, wie die Langzeitfolgen dieser Eingriffe sind. Oft sind schon die kurzfristigen Auswirkungen verheerend, wie z.B. im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins oder bei der Nutzung von gentechnisch verändertem sogenanntem „Terminator-Saatgut“, bei dem die Pflanzen gewollt sterile Samen produzieren, die die Bauern nicht für eine Neuaussaat verwenden können. Die weltweite Vernichtung von riesigen Flächen Regenwald für kurzfristige Profite ist nur aus diesem mechanistischen Denken heraus nachvollziehbar. Die Zerstörung der Lebensgrundlage der dort lebenden Indigenen, ihrer Kultur und der weltweit artenreichsten Pflanzen- und Tierwelt ist unverantwortlich und die Folgen auf das Ökosystem Erde nicht abzuschätzen.

 

…, „entweder das eine ist richtig oder das andere, ein Drittes gibt es nicht“ 

 

Ein weiteres Merkmal ist der Satz vom ausgeschlossenen Dritten, „entweder das eine ist richtig oder das andere, ein Drittes gibt es nicht“. Ein historisches Beispiel dieser Denkweise hat George Bush jun. im Jahr 2001 nach den Anschlägen auf das World Trade Center gegeben, und zwar in seiner bejubelten Rede vor dem Kongress mit dem Ausspruch: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Man kann sich ärgern und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen ob dieser Einstellung, aber es ist die zur Zeit in unserer Kultur vorherrschende. Und um das zu erkennen, muss man oder frau sich nur einmal unsere dominante Streitkultur anschauen, im engeren privaten und auch im öffentlich politischen Bereich. Entweder habe ich recht oder Du, beide können wir nicht recht haben.

 

Dass dieses mechanistische Weltbild wie alle vorherigen „nur“ eine temporäre Erscheinung ist und erwiesenermaßen einen Anfang in der Geschichte hatte, wird oft übersehen.¹ Und dass es gerade dabei ist sich aufzulösen, um einem umfassenderen Modell Platz zu machen, zeichnet sich in allen wissenschaftlichen Disziplinen ab und wird von vielen anerkannten Forschern und Denkern mehr oder weniger abseits der Mainstream-Medien beschrieben. Die Erkenntnisse der Quantenphysik und der fachübergreifenden Systemwissenschaft sind nur hervorstechende Beispiele. Aber auch in der zeitgenössischen Kunst und Dichtung, in der „Neuen Musik“ und in modernen Kommunikations- und Managementmethoden werden über lange Zeit geltende Normen und Formen gesprengt. Schemenhaft und zaghaft, manchmal auch schon recht klar, bahnt sich das Neue seinen Weg durch den Scherbenhaufen.


Doch was ist das Neue?  

 

Um das herauszufinden, werden wir uns in dieser Rubrik den inspirierenden, berührenden und im wahrsten Sinne des Wortes Weltbild sprengenden Arbeiten von Visionären wie Jean Gebser, Joanna Macy, Ken Wilber, Nicanor Perlas, C. Otto Scharmer und anderen zuwenden.

Sie stimmen alle darin überein, dass das Neue nicht im Außen gefunden werden kann, sondern im Inneren vollzogen werden muss. Dieser Bewusstseinswandel ermögliche die Überwindung der Ich-Perspektive, so dass der „Blick“ aufs Ganze frei wird. Was alle, mit unterschiedlichen Worten zwar, aber einhellig ausdrücken, ist, mit den Worten der Tiefenökologin und Systemwissenschaftlerin Joanna Macy gesprochen, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der wir gleichzeitig Sterbebegleiter einer untergehenden Kultur und Geburtshelfer einer neuen Kultur sind.

 

„Es handelt sich um den epochalen Wandel von der industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer langfristig lebenserhaltenden Gesellschaft.“

 

Sie schreibt in ihrem Buch „Geliebte Erde, gereiftes Selbst“: „Zwar berichten die systemkonformen Medien nicht über diesen Gezeitenwechsel, aber wenn wir erst einmal begonnen haben ihn wahrzunehmen, dann erscheint uns die heutige Phase der Menschheitsgeschichte nicht mehr als ein düsteres, hoffnungsloses Schicksal, in dem wir gefangen sind. Es wird vielmehr zu einem großen, belebenden Abenteuer, das jeden Augenblick unseres Lebens adelt. Es handelt sich um den epochalen Wandel von der industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer langfristig lebenserhaltenden Gesellschaft. Und das ist eine Frage des Überlebens.“²

 

Der Wirtschaftswissenschaftler und Professor am Massachusetts Institute of Technology C. Otto Scharmer drückt es so aus: „Dieses Jahrhundert beginnt mit einer zunehmenden Spannung zwischen zwei Bewegungen bzw. Kräften. Auf der einen Seite beschleunigt sich dramatisch die Kraft des Fundamentalismus, der Manipulation und der Zerstörung. Täglich dominieren die Symptome dieser Tragödie die Medien. Ein Sterbeprozess beschleunigt sich, der Verfall des alten sozialen Körpers ist eigentlich überall zu besichtigen. Auf der anderen Seite werden wir Zeuge eines weitreichenden Öffnungsprozesses, der rund um den Globus stattfindet. Immer mehr Menschen nehmen ihr Umfeld bewusster wahr und verbinden sich existenzieller mit dem tieferen Sinn ihres Weges. Neue soziale Netzwerke und Felder der gemeinsamen Gegenwärtigkeit entstehen.“³

 

Als größte Herausforderung sieht er, diesen im Inneren vollzogenen Bewusstseinswandel und den Wunsch von immer mehr Menschen nach heilsameren Strukturen in eine „Infrastruktur umzusetzen, die systemisch steuerungsrelevant ist“ und die politischen Entscheidungsprozesse grundlegend verändern kann. 

Die Kernelemente ihrer Einsichten sind dem „indigenen Weltverständnis“, der Essenz des Buddhismus, des Sufismus u.a. ganzheitlicher Weltsichten sehr ähnlich und doch neu. Hier ein paar Beispiele: Auf einer grundlegenden Ebene sind wir mit der uns umgebenden Welt verbunden, alles wirkt aufeinander, und das wird immer offensichtlicher und transparenter. Zunehmend mehr Menschen wird das bewusst und mit diesem Bewusstsein der eigenen Wirkkraft wächst auch das Bewusstsein über die Verantwortung des eigenen Tuns. Raum und Zeit sind relativ und vom Bewusstsein überwindbar. Die lineare Zeit verliert ihre alleinige Gültigkeit. Es gibt Bewusstseinszustände, in denen diese einer Gleichzeitigkeit weicht.

Oben zitierter C. Otto Scharmer z.B. hat eine von ihm „Presencing“ genannte Wahrnehmungsmethode entwickelt, mittels derer man „sich mit der Quelle seiner höchsten Zukunftsmöglichkeit verbindet und diese ins „Jetzt“ bringt.“

Diese Methode wendet er bereits erfolgreich in Managementtrainings an. Was mir bei diesem Beispiel besonders gefällt, ist, dass es praktisch nachvollziehbar ist und ohne esoterisches Brimborium auskommt. Das einzige, was benötigt wird, ist ein Moment der Stille und der Wille, alle Konzepte für diesen Moment loszulassen.

 

„…, wer aus Ichfreiheit heraus zu handeln vermag, dem wird die Welt und selbst der Alltag durchsichtig.“

 

Das ist für den Kulturanthropologen Jean Gebser auch ein wesentliches Merkmal der „Integralen Bewusstseinsstruktur“, wie er das im Entstehen begriffene neue Bewusstsein nennt. Esoterische Techniken, um in andere Sphären zu transzendieren, sind nicht mehr notwendig, können sogar hinderlich sein und labile Personen in psychische Schwierigkeiten bringen. Für ihn sind Transparenz und Durchsichtigkeit die wesentlichen neuen Qualitäten, und in seinem atemraubenden Mammutwerk „Ursprung und Gegenwart“ aus dem Jahr 1953 schreibt er: „Wem es im Alltag gelingt, das Ganze über sein Ich zu stellen (ein Ich, das er deshalb noch lange nicht verlieren muss), wer aus Ichfreiheit heraus zu handeln vermag, dem wird die Welt und selbst der Alltag durchsichtig.“ Und weiter: „Da diese Realisationsweise beispielsweise ein bloßes Zweckdenken ausschließt …, wird sich auch die Umwelt, und zwar in allen ihren Aspekten, die wir ja selber jeweils unserer Bewusstseinsstruktur entsprechend gestalten, wandeln.“4

 

Das klingt vielversprechend und ermutigend, aber eben auch nicht naiv optimistisch. Jede und jeder einzelne muss diesen Wandel in ihrem bzw. seinem Bewusstsein vollziehen, er geschieht nicht automatisch. Die Arbeit wird uns weder von „Gott“ oder „Göttin“ noch von Entscheidungsträgern abgenommen. Jede und jeder einzelne ist mitverantwortlich für einen Wandel hin zu einer kooperativen, lebensbejahenden Gesellschaft.

 

1 siehe dazu Jean Gebser in „Ursprung und Gegenwart“, Thomas S. Kuhn in „Die Entstehung des Neuen“,
Ken Wilber in „Eros, Logos, Kosmos“

2 Joanna Macy, „Geliebte Erde, gereiftes Selbst“, S. 136

3 C. Otto Scharmer, „Theorie U“, S. 449

4 Jean Gebser, „Ursprung und Gegenwart“, S. 677